Ansichten eines Darkstars.

 

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Vor Lena auf dem Tisch steht eine riesige Kiste voller Briefe und Postkarten, die sortiert werden wollen. Sie schnauft leise bei dem Gedanken, die nächsten Stunden hier zu stehen und Kiste um Kiste, Brief um Brief, Karte um Karte in die großen Regalfächer einzusortieren. Sie muss sich auf die Endzahl der Postleitzahlen konzentrieren, um sie dem richtigen Platz im Regal zuzuordnen. Die 1 zur 1, die 2 zur 2, dir 3 zur 3 und so weiter.
Das Gute an diesem Job ist, man muss nicht wirklich nachdenken und da sie sich eh nicht für das Gerede und die belanglosen Gesprächsthemen der Kollegen interessiert und sich nicht am Smalltalk beteiligen will, sortiert sie stumm vor sich hin. Lena bringt sich jedes Mal zur Arbeit ihren alten Diskman mit, der beim joggen schon nicht mehr funktioniert, weil er sehr wackelanfällig ist. Aber hier zum dastehen und Briefe und Karten sortieren erfüllt er seinen Zweck der Ablenkung und vertreibt die Abendstunden mit Alternative-Rock und Soundtracks zu deutschen Filmen. Gerade hört sie den Bandits-Soundtrack. Sie wäre so gern, wie eine von diesen Frauen, mutig um auszubrechen. Ausbrechen aus ihrem kleinen Leben, spärlich gefüllt mit dem Psychologiestudium, dem Kaffeetrinken mit ein paar Freunden, den Kinobesuchen und der Arbeit beim Postsortieren.
„Wenn ich ein Vöglein wär“ halt es jetzt in ihren Ohren. Sie weiß, zu wem sie fliegen würde. Sie würde zu Robert fliegen. Als er damals in der ersten Seminarstunde den Raum betrat, ist er ihr gleich aufgefallen. Seine blonden Locken und da sie direkt gegenüber der Tür saß, konnte sie auch seine schönen grünen Augen sehen. Seine Hose saß etwas tief, weil es wohl so Mode ist und der Beatles-Button an seinem Shirt passte nicht ganz ins Bild. Oder vielleicht gerade doch. In Gedanken versank sie in einem gelben U-Boot mit ihm in den Weltmeeren und verpasste beinahe, sich fürs gewünschte Referatthema zu melden. Über die Arbeitsleistung in Gruppen. Trittbrettfahrer, Sucker-Effect, all das, was sie schon mal in der Vorlesung gehört hatte. Sie wollte das Referat lieber alleine halten. Nun sah sie ihn Woche für Woche im Seminar. Arbeitsgruppen war das Thema und sie fühlte sich so allein. Jede Woche sah sie ihn, beobachtete seine blonden Locken und hörte gespannt, was er zu sagen hatte. Gar nicht so schlecht, für einen BWLer, der Psychologie im Nebenfach belegen muss.
Manchmal saßen sie auch nebeneinander. Sie fuhr extra einen Bus früher, nachdem sie merkte, dass er auch schon immer zehn Minuten vor Seminarbeginn da war. Sie unterhielten sich manchmal, ganz zwanglos. Er ist eben ein netter Junge. Und sie riss sich zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen. Das kann sie schließlich gut, sich nichts anmerken lassen. Sie redeten über Musik, Kinofilme und das arme Los der Nicht-BaföG-Empfänger und den Witzigkeiten der unmöglichsten Studentenjobs. Aber sie hat eben keine Flügel.
Jemand zog ihr den Kopfhörer vom Ohr. „Hier ist eine neue Kiste, schöne Träumerin. Vielleicht ist ja wieder was vom Romantiker dabei.“ Der Romantiker schreibt jede Woche an E. Richter in der Kastanienstraße 7, Postleitzahl Endziffer 5. Er schreibt Gedichte von Rilke und Fried und Sachen, die sie noch nicht kannte, wahrscheinlich selbstgeschrieben. Es gibt nicht viele Postkarten zum sortieren und so ließt sie gerne mal in ihnen, wenn der Schreiber eine schöne Handschrift hat. So wie der Romantiker, der immer mit R. unterschreibt. E. kann wirklich glücklich sein, eine Postkarte, jede Woche und so schön.
Sie wechselt die CD und nun begleiten Coldplay sie beim sortieren. Die 3, die 7, die 9, die 5. Kastanienstraße 7. E. Richter. „Das Semester ist nicht mehr lang. Wie viele Karten soll ich meiner Oma Elli noch schreiben, bis du mich fragst, ob wir mal zusammen ins Kino gehen oder Musik hören? Liebe Grüße, Robert.“




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