Ansichten eines Darkstars.

 

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Kaffeeklatsch

„Vielen Dank für Ihre Bestellung. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Frau Baumgartner. Auf Wiederhören.“
Marianne legt befriedigt den Hörer auf. In drei Tagen wird sie ein neues neunteiliges Edelstahltopfstet ihr Eigenen nennen. Könnte sie kochen, würde sie damit ein richtig leckeres Menu zaubern. Sie würde auf den Markt gehen, um frisches Gemüse zu kaufen und sogar zum Metzger. Sie würde ihren Mann überraschen und er würde es kaum glauben. Aber sie kann nunmal nicht kochen, muss sie auch nicht. Er hat nichts gegen Fertiggerichte und Geschmacksverstärker und ihm ist es egal, ob das Essen vom Markt oder aus der Dose kommt. Aber das neue neunteilige Edelstahltopfstet wird toll aussehen im Schrank.
Marianne schaut auf die Uhr. Es ist schon fast halb eins und er war immer noch nicht da. Sie schaut wieder auf den Fernseher, wo jetzt auf dem Homeshoppingkanal Frischhaltedosen angeboten werden. Man könnte sich da wunderbar Essen aufbewahren, wenn man mal zu viel gekocht hat. Marianne schmunzelt, warum sich manche Leute so viel Mühe machen, versteht sie nicht.
Heute Mittag wird sie die Mikrowelle aber nicht in Betrieb nehmen. Am Nachmittag ist sie mit ihren Freundinnen im Cafe verabredet und da will sie ordentlich zuschlagen mit allerlei Leckereien und viel Sahne. Seit dem sie nicht mehr arbeitet treffen sie sich zwei, dreimal pro Woche. Dann tauschen sie Klatsch und Tratsch aus über Leute, die sie nur aus den bunten Illustrierten kennen, oder sie gehen gemeinsam zur Kosmetik.
Aber noch ist Marianne nicht bereit für das heutige Treffen. Er war noch nicht da und sie wird langsam unruhig. Was, wenn er nicht kommt? Was sollte sie ihren Freundinnen dann erzählen? Heute ist doch der große Tag, der Tag der Abrechnung. Sie schaltet ihren Zimmerspringbrunnen ein und hofft, das Geplätscher kann sie etwas beruhigen.
Wo bleibt er nur? Wenn er doch nur einmal pünktlich wäre! Wieder geht sie vom Sofa zum Fenster. Auf der Straße ist Totenstille, kein Auto weit und breit.
Für Johanneskrauttee ist es noch zu früh am Tag, denkt sich Marianne und beschließt sich doch schon mal im Badezimmer fertig zu machen. Auf ihrem Badezimmerregal hat sie das volle Programm versammelt, Tages- und Nachtcremes und natürlich verschiedene Kosmetika. Alle tragen den Namen früherer und gealterter Fernsehstars. Sie entfernt die Lockenwickler aus ihrem rotgefärbten Haar und zupft sie zurecht. Sie entscheidet sich für einen dunklen roten Lippenstift und den Duft von Frühlingsblüten. In das Spiegelbild einer Frau Anfang fünfzig mit vorhersehbaren Zukunftsaussichten vertieft, schrickt sie plötzlich auf.
Es hat geklingelt. Das muss er sein. Sie rennt zur Tür und stolpert beinahe über den Heimtrainer, dessen Garantiezeit ungenutzt abgelaufen ist. Sie reißt die Tür auf und sieht zuerst seine gelbe Jacke. Ja, er ist es. Seine Worte, „Wenn Sie bitte hier unterschreiben“ geben ihr Gewissheit. Der Bote gibt ihr das Paket und sie hat es eilig in die Wohnung zurück zukommen. Nachdem sie die Verpackung gierig geöffnet hat und den ersehnten Artikel in ihren Händen hält, kann sie sich endlich in die Schlankstützhosen zwängen.
Wie hätte sie sonst ihren Freundinnen erklären können, dass es mit der Diät nicht geklappt hat?







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